Dienstag, 26 Januar 2021 15:13

Tierhaltung II - der blutige Übergang

geschrieben von
Artikel bewerten
(0 Stimmen)

Dieser Artikel basiert auf dem bereits veröffentlichen Titel Tierhaltung und geht der Frage der Trasistion nach.

Nach den Ausführungen kann man ja zu dem Schluss kommen, man könnte alle Tiere einfach frei lassen und dann wäre alles Friede, Freude und Eierkuchen. Dem ist leider bei Leibe nicht so! Das geht einfach so nicht und ich möchte ausführen, warum ich das so sehe. Mir fällt es sehr schwer dies hier zu schreiben, denn der Gedanke, dass für eine zukünftige, bessere Welt für die Tiere hunderte Millionen von Nutz- und Haustieren sterben müssen ist für mich entsetzlich.

Ich benutze in diesem Artikel die Begriffe Nutz-, Haus- und Wildtiere, die alle samt ablehnenswert sind. Doch um nicht ständig irgendwelche sperrigen Umschreibungen benutzen zu müssen und weil diese Worte allgemein verständlich sind, sollen sie hier Verwendung finden. 

Hybride Zuchttiere

Die meisten Nutztiere sind s.g. hybride Tiere. Seien es Hühner, Schweine, Rinder. Diese Tiere wurde mit teilweise genetischen Eingriffen so "gezüchtet", dass sie nicht wirklich selbständig lebensfähig sind. Bei der Hähnchenmast ist dies ganz extrem. Diese armen Tiere leben nur zwischen 28 und 42 Tage, abhängig von der angewendeten Mastart, nach dem Schlüpfen. In dieser Zeit nehmen sie so schnell an Gewicht zu, dass sie nach Ablauf dieser Zeit "geerntet" werden müssen, da sie sonst an Organschäden und der unzureichenden Verwebung der Muskulatur unter ihrem eigene Gewicht sterben. Dieser Gedanke ist so dermaßen widerlich, zeigt aber, dass diese Lebensform nicht alleine lebensfähig ist. Ein einfaches Entlassen in die Freiheit würde nach kurzer Zeit mit höllischen Qualen für das Tier enden. Ähnlich verhält es sich mit den modernen Schweinerassen, die frei gelassen, einfach nur jämmerlich zu Grunde gingen. Bei Großtieren wie Kühen ist das schon eher möglich, aber auch diese Tiere haben heftige Zuchtnebenerscheinungen, die sie für die freie Wildbahn untauglich machen.

Neben den bereits geschilderten Problemen bei der Freilassung gibt es bei "verzüchteten" Nutztieren das große Problem des völlig kaputten Genpools. Selbst wenn diese Tiere in der Freiheit überleben könnten, würden sie durch die Fortpflanzung einen unüberschaubaren Schaden im natürlichen Gleichgewicht anrichten. Diesen Tieren wurde das Überleben abgezüchtet und sie würden diese Defekte in die lebensfähigen Populationen tragen.

Überpopulation

Weiter muss man bei einer Freilassung von Nutztieren bedenken, in welcher Zahl diese dann auftreten würden. Man stelle sich vor, ein Schweinemastbetrieb öffnet seine Tore und 6000 Schweine stürmen hinaus. Die Verwüstungen des Lebensraumes der Wildtiere wäre gigantisch und würde in kürzester Zeit zum Kollabieren des vorhandenen Ökosystems führen. Schweine sind Waldtiere und brauchen nach einer Faustregel etwa einen halben bis einen dreiviertel Hektar Wald um zu überleben. Im Obigen Beispiel müssten also mindestens 3000 Hektar Wald in der Umgebung sein und zwar nicht der uns heute bekannte Monokulturwald, der nur aus Fichten und Buchen besteht, sondern intakter Mischwald. Auch hier ist die Situation für Kühe wieder einfacher, doch braucht eine Kuh um ganzjährig zu überleben ca. 1,5 Hektar Grasland. Das Problem wird z.B. bei etwas exotischeren Nutztieren offenkundig wie den unlängst in Dänemark getöteten Nerzen. Diese sind Raubtiere und bei einer Stallöffnung für 10.000 Nerze bliebe für die Wildtiere gar nichts mehr übrig. Alle Arten würden in sehr kurzer Zeit verhungern und der Lebensraum wäre über Jahre zerstört. Gleiches gilt natürlich auch für Aquakulturen, wobei da zu prüfen wäre, wie groß die Bestände im Freiwasser wirklich sind.

Die schiere Masse an Tieren die heute in industriellen Tierfabriken leben verhindert also ihre Freilassung, eine Absurdität die nur ganz schwer zu verkraften ist. Aktuell werden alleine in Deutschland jährlich ca. 1 Milliarde Landtiere gezüchtet und getötet. Das sind Zahlen, die unsere schon stark beschädigte Natur und die darin lebenden Wildtiere leider nicht absorbieren kann. "Da draußen" siehts ja eh schon schlimm aus!

Auch Bio löst das Problem nicht

An dieser Stelle muss leider auch erwähnt werden, dass es keinen großen Unterschied zwischen Bio-Betrieben, inklusive demeter, Bioland, etc., und konventionellen Tierfabriken gibt. Einzig etwas mehr Platz und etwas bessere Lebensbedingungen unterscheiden die "Produktionsstätten". Das System ist aber immer das selbe. Auch in der Bio-Welt werden oftmals die gleichen hybriden Rassen eingesetzt mit all ihren Nachteilen im täglichen Kampf ums überleben. Die kleinsten Probleme bei einer Freilassung machen kleine Bauernhöfe da dort oftmals noch relativ natürliche Rassen gehalten werden und eben die Populationen viel kleiner sind. Doch auch ein Geflügelhof mit 6000 Hühnern gilt als kein.

Trauma

Ein für mich auch wichtiger Punkt ist die extreme Traumatisierung der Tiere. Nicht nur dass sie nicht gelernt haben, wie sie untereinander soziale Strukturen bilden und aufrecht erhalten, sondern auch die permanente Angst in der diese Geschöpfe in der heutigen Mast leben. Ich habe selbst auf demeter Bauernhöfen gearbeitet und mich mit der Aufzucht beschäftigt und weiß sehr genau, wie die Mitarbeiter so drauf sind. Das Leben von Kalb 346 ist nur solange etwas wert, solange es in der Spur läuft, wenn nicht, wird getreten, malträtiert oder gar erschlagen. Der ökonomische Druck lässt Tierliebe nur sehr beschränkt bis gar nicht zu und das bekommen die Häftlinge jeden Tag zu spüren.

Und machen wir uns nichts vor, jeder kennt es aus seiner eigenen Familie oder seinem engeren Umfeld. Manchmal platzt einem der Kragen und man will seinem Unmut Luft machen, wenn dann wehrlose Lebewesen zugegen sind, ist die Schwelle zur Gewalt sehr viel schneller überschritten als wenn man einem ausgewachsenen Menschen gegenüber steht, da muss man gar nicht von Natur aus sadistisch sein. Ich hatte teilweise heftige Auseinandersetzungen mit meinen Kollegen als ich sie davon abhalten wollte gewalttätig gegen die Tiere zu sein, bzw. als ich sie ganz direkt und ohne Blatt vor dem Mund dafür verurteilt habe.

Die allermeisten Tiere heute sind in der Kathedrale der Angst gefangen und können deshalb kein normales Leben führen. Bei manchen mag das Vertrauen in sich und die Herde wiederkommen, aber für den Großteil ist dies eine Einbahnstraße und aus Angst erwächst Aggressivität. Sie können das erlebte genauso wenig vergessen wie wir Menschen, haben aber keinen Therapeuten der sie begleiten kann.

Die Haustiere

Nachdem jetzt die ganze Zeit von den s.g. Nutztieren gesprochen wurde müssen wir uns natürlich auch mit den Haustieren beschäftigen, auch diese dürfen nicht eingesperrt bleiben. Die Problematiken sind aber in etwa gleich wie bei den Tieren in den Produktionsbetrieben, allerdings ist die Bandbreite an verschiedenen Tieren viel größer. Für Reptilien und andere exotische Tiere ist ein Leben in der freien Natur schlicht unmöglich. Die anderen Haustiere wie Hunde und Katzen können, wie gesagt, aufgrund ihrer genetischen Struktur, ihren Züchtungsmerkmalen, und natürlich wegen ihrer schieren Masse nicht einfach freigelassen werden. Wenn ich mir vorstelle welche Schäden die aber Millionen Katzen in kürzester Zeit anrichten würden und wie sie nach und nach von Haarlingen und übertragbaren Krankheiten dahingerafft würden, dann graust es mir wirklich. Die meisten Haustiere müsste man einfach bis zu ihrem natürlichen Tod begleiten. Also Buisiness as usual.

Jetzt wird es richtig bitter

Um das Ganze zusammenzufassen bleibt also für die inhaftierten Tiere am Tag ihrer Befreiung nur ein Weg, der selbe Weg der bei ihrer Geburt mit Datum und Uhrzeit schon festgelegt wurde. Für die allermeisten dieser armen Geschöpfe ist der einzige Weg in die Freiheit der Tod. Ein Genozid von gigantischen Ausmaßen. Wir können sie nicht einfach ziehen lassen, so schlimm dies auch ist.

Ich könnte gerade echt heulen und frage mich ob dieses unermessliche Menschheitsverbrechen jemals beendet wird und die wirklich Verantwortlichen sich jemals in der Verantwortung sehen werden.

 

 

 

Bitte teile diesen Betrag in Deinen Sozialen Medien, damit mehr Menschen sich dem Thema Veganismus annehmen und wir vielleicht eine raschere Wende hin zu einem lebenswerten Planeten schaffen. Ganz herzlichen Dank für Deine Bemühungen.

Ich investiere sehr viel Zeit in meine publizistische Arbeit, Zeit in der ich nicht klassisch arbeiten gehen kann. Wenn Dir meine Arbeit gefällt und Du ein paar Groschen übrig hast, sage ich ganz herzlich Dankeschön.

Bild: wsimag

  • 1
  • 0
  • 0
  • 0
  • 0
  • 0
Gelesen 1458 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 27 Januar 2021 14:07
Torsten Leonhardt

Torsten Leonhardt ist gelernter klassischer Koch mit 25 Jahren Berufserfahrung. Seit 2013 lebt er vegan und ca. acht Jahre davor vegetarisch. Er war lange Jahre in leitenden Positionen in verschiedenen Küchen beschäftigt und war mit dem Stephanskeller in Konstanz und dem Konstanzer Yachtclub selbstständig. Nachdem er seinen Lehrberuf aus Gewissensgründen nicht mehr ausüben konnte arbeitete er mehrere Jahre als demeter Gemüsebauer mit dem Schwerpunkt Direktvermarktung. Ende 2019 zog er mit seiner Frau nach Teneriffa um sich dort den Traum von einem eigenen Bio-Laden zu erfüllen, der allerdings durch die Corona-Krise ein jähes Ende fand.

Mehr in dieser Kategorie: « Tierhaltung Tierrechte und Corona »

Schreibe einen Kommentar

Bitte achten Sie darauf, alle Felder mit einem Stern (*) auszufüllen. HTML-Code ist nicht erlaubt.

Neuste Artikel

Newsletter

Bitte JavaScript aktivieren, um das Formular zu senden