Dienstag, 26 Januar 2021 10:04

Tierhaltung

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Die Tierhaltung gehört mit Sicherheit zu den unappetitlichsten Themen, denen man sich widmen kann. Doch ich möchte an dieser Stelle nicht auch eine Litanei von unsagbarem Leid, abgründiger Boshaftigkeit und der Kapitulation jeder Ethik aufzählen. Wir kennen alle die schrecklichen Bilder, die unser Innerstes bis in die Seele wund schlagen, die uns sprachlos und ohnmächtig machen. Ich möchte vielmehr einen positiven Ansatz wählen und aufzeigen, wie wir mit Tieren in einer (fernen) Zukunft zusammen leben können und dem Heute den Rücken zukehren.

Zuerst muss ich feststellen, dass man Tiere nicht halten kann. Wir halten auch keine Kinder, oder Alte. Hinter dem Begriff Haltung verbirgt sich, selbst wenn sie liebevoll ausgeführt wird, z.B. bei Haustieren, nichts anderes als lebenslange Haft. Egal ob der Käfig aus Gold oder Stacheldraht gemacht ist, bleibt es doch immer ein Käfig. Selbst die Argumentation, dass Tiere, wenn sie nichts anderes kennen als diese Haltung, sie sich damit abfinden und sie nicht als schlimm empfinden. Für mich ist das nicht nur ein Trugschluss, sondern bestätigt die menschliche Hybris als einziges Wesen größere Zusammenhänge verstehen zu können. Es ist ein unumstößlicher Fakt, dass jedes Tier, so wie der Mensch auch, über einen angeborenen Freiheitswillen verfügt. Bei Tieren mag der teilweise anders ausgeprägt sein, doch ob nun revierorientiert oder zugorientiert, jedes Leben strebt nach Freiheit.

Weiterhin müssen wir klären, dass der Mensch nicht das Recht haben kann, seine Mitgeschöpfe einzusperren um sich selbst zu schützen. Es gibt einen netten Witz zu dieser Logik: 

Wie fängt ein Mathematiker einen Löwen?

Er zieht einen Kreis, baut darauf einen Zaun und definiert das innere des Kreises als das Außen.

Solche Gedankenspiele sind logisch möglich, aber nicht lebensnah. Also wenn der Mensch sich vor "wilden" Tieren schützen möchte, dann kann er sein Revier, sei es die Stadt, das Dorf, der Bauernhof, einzäunen um sich vor Angriffen zu schützen, Doch ist es nicht einzusehen, das Gegenteil zu tun und alles Land zu annektieren und die Freiheit aller anderen Geschöpfe zu beschneiden. Natürlich müssen wir versuchen unsere Nahrungsgrundlage zu sichern und können bei einer heutigen Population nicht als Sammler durch die Wälder ziehen. Doch sind wir in der Lage, unsere Reviere abzustecken und zu verteidigen. Ein Gepard macht nichts anderes.

Und damit sind wir in der Utopie, die ich Dir näher bringen möchte.

In einer veganen Welt von Mitgeschöpfen leben alle frei. Das klingt jetzt erst einmal komisch, aber warum sollen nicht alle Lebewesen selbst über ihren Lebensraum bestimmen, schließlich haben wir den Planeten genau in diesem Zustand vorgefunden, als wir vor ein paar hundert tausend Jahren auf die Weltbühne traten. Erst mit der Sesshaftwerdung vor ca. 10.000 Jahren begann das Einsperren von Tier und Mensch, ja da wurde auch der Freiheitsentzug als Strafe für Fehlverhalten von Menschen angelegt. Und man kann es drehen und wenden wie man will. Das Vorenthalten der Freiheit ist immer eine Bestrafung. Die Argumentation, man beschütze damit auch die Haus- und Nutztiere ist in soweit nicht tragend, da sie auf egoistischen Motiven basiert. Wir wollen die Kuh für uns und enhalten sie dem Wolf vor. So einfach ist das eigentlich.

Índios isolados no Acre 3

Es gibt einige Stämme in den verbliebenen Regenwäldern die uns genau das vormachen. Diese werden oft als leuchtende Beispiele hervorgehoben und teilweise schon grotesk glorifiziert. Aber was macht einen Indiostamm im Amazonasgebiet so anders als uns. Ich meine verstanden zu haben, dass diese Menschen, aus welchem Grund auch immer, sich vom Nomaden, also der Lebensform der der moderne Mensch immer noch angehört, zu einem Revierbezogenen gewandelt hat. Also diese "Eingeborenen" haben gelernt, dass es keine Lösung ist das besetzte Gebiet zu plündern und dann weiter zu ziehen. Im Gegenteil, diese Menschen nehmen von der Natur mit Blick auf Morgen, da sie wissen, dass sie mit der Mentalität der verbrannten Erde kein Morgen erleben werden. 

Der moderne Mensch hingegen hat diesen "Bewusstseinssprung" nicht vollzogen. Er lebt tief in sich drin in dem Bewusstsein, dass ihm alles zur Verfügung steht und wenn das besetzte Gebiet "verbraucht" ist, dann zieht er weiter. Da dieser Mensch aber kein offensichtlicher Nomade mehr ist, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sein Herrschaftsgebiet immer weiter auszudehnen und heute ist es globusumspannend. Wir haben die ganze Welt zu unserem, ausbeutbaren Revier erklärt. Selbst in die entlegensten und unwirtlichsten Gebiete reicht die Klaue der Raffgier.

Besitz und Eigentum

Dieses Verhalten fußt auf den Begriffen des Besitzes und des Eigentums. Ich persönlich glaube, dass Besitz ein wichtiger Faktor ist. Ich möchte meine eigene Zahnbürste besitzen und auch so manch anderes, liebgewonnene Stück. Aber beim Eigentum wird die Sache schwierig. Wie kann man behaupten, dass ein Stück des Planeten einer einzelnen Person gehört? Und noch schlimmer, wie kann es sein, dass ein Leben einem anderen gehört? Es ist genau dieser Gedanke, der des Eigentums, der Tier- und Menschenhaltung erst möglich macht. Daraus folgt also logisch, dass der omnipräsente Eigentumsbegriff einem veganen Leben entgegensteht, nicht aber ein relativer Besitz. Besitz ist das temporäre Nutzungsrecht mit all seinen Pflichten. Eigentum führt, wenn wir in die Geschichte schauen wollen, immer zu Zentralismus und dieser zu Abstraktion. Das heißt nichts anderes als dass sich das Leben immer weiter von sich selbst entfernt bis es irgendwann zur handelbaren Masse wird. Den "Eingeborenen", den "Wilden", den "Primitiven" ist der Begriff des Eigentums fremd. Es gibt unzählige Überlieferungen aus der amerikanischen Kolonialisierung wie sich die dortigen Ureinwohner verwundert darüber zeigten, dass der weiße Mann Land von ihnen kaufen wollte. Und das nicht, weil sie nicht wussten was Tauschhandel ist, sondern weil es Dinge gab, die zuvor niemals zur Disposition standen. Das Land gehörte niemanden oder allen. So etwas konnte man einfach nicht verkaufen oder tauschen, genauso wenig wie die Tiere die auf dem Land lebten.

Doch was wäre, wenn wir zu einem Lebensmodell finden würden, in dem menschliche Behausungen irgend wie abgegrenzt sind und alles verbleibende Land steht jedem frei. Ich höre schon die Kritiker die sagen das sei blödsinnig und lebensfremd, aber es ist genau besehen das absolute Gegenteil, das ist eine lebensbejahende Sicht auf die Erde. Wir können allerorten sehen, und da unterscheidet sich kein einziges politisches System, welche Destruktion der alleinige Anspruch des Menschen hervor bringt. Lebensfremd ist die Abstraktion, denn es ist ein gewaltiger Unterschied ob man eine Schale Hackfleisch beim Discounter aus der Kühltheke nimmt, oder ob man ein Tier erst schlachten muss um eine Bolognese kochen zu können. Und gleich verhält es sich mit der Tierhaltung. Es sind nicht nur die gequälten Seelen in der Massenindustrie die leiden, sondern auch der kleine Pekinese, der erst zur Unkenntlichkeit verzüchtet wurde und dann in ständigem Drill sein jämmerliches Leben fristet, auch wenn es das beste Futter der Welt gibt, was meistens aber wieder aus der Massentierhaltung kommt. Dieser hat kein Rudel seiner Art, darf nie alleine raus um sich mit Artgenossen zu tollen, die Welt um ihn herum in seinem Tempo erkunden und auf Brautschau gehen.

Eine vegane Tierhaltung, wenn es so etwas überhaupt gibt, kann also nur auf einer freien und liebevollen Entscheidung beruhen das Leben gemeinsam zu leben. Bezeichnenderweise machen die Tiere uns dies Tag für Tag vor. Ich kenne keine Katze, keine Maus und kein Pferd, dass einen Menschen besitzen möchte, oder ihn gar zu seinem Eigentum erklären würde. Oder hast Du schon mal einen Delphin gesehen, der einen Tauscher an der Leine Gassi geführt hat? Doch gibt es immer wieder freiwillig eingegangene Beziehungen von Tier und Mensch, diese kommen aber auf einen sehr persönliche und liebevolle Weise zustande und nicht im Zoogeschäft. Natürlich klingt das absurd, aber warum sehen wir das Gegenteil davon als so selbstverständlich an? Wenn ich mich umschaue, in dem Glauben der Mensch sei die Krönig von Gottes Schöpfung, dann frage ich mich ganz ehrlich, was das für ein Arsch ist dieser Gott.

Natur bedeutet ständiger Kampf. Kampf ums überleben, Kampf um die Freiheit, Kampf um die eigene Art. Das sehen wir immer als grausam an und klar gibt es haarstäubende Geschöpfe, die in diesem Kampf nach unseren Vorstellungen Schreckliches machen. Wir hingegen blenden aber dabei aus, was sich ein Affe denken würde, sähe er seine Artgenossen im Labor oder Schweine im Mastbetrieb. Der Mensch hat das natürliche Leben in so vielen Bereichen in einer Weise pervertiert, da kommt kein Alligator und keine Vogelspinne mehr mit. Aber Playstation, BluRay und Netflix bringen es fertig unser Gewissen kalt zu stellen. Uns reicht die glückliche Almkuh auf der Milchpackung um zu vergessen wie diese wunderbaren Geschöpfe in Angst und Schrecken gehalten, Tag um Tag erniedrigt und ausgebeutet werden. Und wir wissen nicht einmal mehr, wie frische Milch wirklich schmeckt!

Wir müssen mehr tun

Das meine ich nicht in Bezug auf Aktivismus oder sonstiger Überzeugungsarbeit. Nein was ich meine ist unsere Faulheit. Hast Du schon mal eine Amsel in Frührente gesehen, oder ein Wiesel auf Hartz IV? Wir versuchen uns permanent durchs Leben zu mogeln, uns die Arbeit so bequem wie möglich zu machen. Aber neben dem völlig törichten Aspekt, dass wir dadurch Angst vor dem Leben selbst entwickeln, versuchen wir unsere Faulheit auf andere abzuwälzen. Zuvorderst ist da natürlich der technische Aspekt, alles wird technisiert und damit weiter abstrahiert und wir ruhen uns auf den Tieren aus, besser gesagt auf ihrer Ausbeutung. Ich glaube nicht, dass die oben genannten Indios am Amazonas die gleiche Angst vor dem Leben haben wie wir. Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Wir sind nicht einen Deut mehr oder weniger wert wie jedes andere Leben auch und deshalb sollten wir uns nach den Maßgaben der Mehrheit, uns stehen immerhin rund 8.700.000 Arten entgegen, verhalten. Das ist sogar ein zutiefst demokratischer Ansatz. Wir mögen als Generalisten komplexere Fertigkeiten und Fähigkeiten besitzen als Tiere, doch sollten wir uns unseren Platz in ihrer Mitte suchen und uns nicht über sie stellen. Und damit kann eine zukünftige Tierhaltung nur so aussehen, dass wir uns kleine Ressorts abstecken, die wir in Besitz nehmen - nicht als Eigentum betrachten - und alle anderen Individuen so sein lassen, wie sie es gerne möchten.

Es ist für mich offensichtlich, dass so wie wir heute unterwegs sind, das Leben nicht lebenswert ist, oder besser nicht erfüllend sein kann.

Bitte lies auch meinen Artikel zum Thema Klima um zu verstehen welche Probleme wir gegewärtigen und welche möglichen Auswege es geben kann.

P.S. In meinem Beitrag Tierhaltung - der blutige Übergang wird dieser Artikel fortgeführt und geht der Frage nach wie wir die Tiere in die Freiheit entlassen können.

 

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Gelesen 1453 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 27 Januar 2021 13:48
Torsten Leonhardt

Torsten Leonhardt ist gelernter klassischer Koch mit 25 Jahren Berufserfahrung. Seit 2013 lebt er vegan und ca. acht Jahre davor vegetarisch. Er war lange Jahre in leitenden Positionen in verschiedenen Küchen beschäftigt und war mit dem Stephanskeller in Konstanz und dem Konstanzer Yachtclub selbstständig. Nachdem er seinen Lehrberuf aus Gewissensgründen nicht mehr ausüben konnte arbeitete er mehrere Jahre als demeter Gemüsebauer mit dem Schwerpunkt Direktvermarktung. Ende 2019 zog er mit seiner Frau nach Teneriffa um sich dort den Traum von einem eigenen Bio-Laden zu erfüllen, der allerdings durch die Corona-Krise ein jähes Ende fand.

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