Freitag, 22 Januar 2021 17:25

Veganismus und das Klima

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Druck auf dem Kessel

Ich weiß, dass ich mit diesem Text in ein Hornissennest steche, aber dennoch will ich versuchen, einen vernünftigen Blick auf die Welt zu werfen und dies mit einem veganen Leben zu verbinden. Vorweg möchte ich erst einmal den Druck aus dem Kessel nehmen indem ich nicht auf die Ursache eines sich ändernden Klimas eingehen will, denn wenn ich das tue ist der Tumult schon vorprogrammiert.

Nur so viel, und da können, glaube ich, alle mitgehen. Das Klima verändert sich und wenn es 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde gibt, dann haben diese auch irgendwie einen Einfluss. Ob dies jetzt am CO2 liegt, oder ob ganz andere Umstände das Klima verändern ist letztlich zweitrangig. Wichtig ist nicht ein Klima zu schützen, denn das geht nicht, sondern die Zerstörung des Planeten aufzuhalten. Klima ist eine Art Rechengröße, gewonnen aus empirischen Wetterdaten, die im Grunde nur wenig aussagt. Aussagekraft hat aber die Abholzung von Wäldern, die Übersäuerung von Meeren, der allgegenwärtige Müll, die Zerschneidung der Lebensräume und die Zersiedelung der Landschaften. Das soll nicht heißen, dass man das Thema CO2 marginalisieren soll, sondern ich finde man muss es in einen Kontext einordnen und sich nicht nur auf diesen Teilaspekt konzentrieren.

Stellen wir also einige Prämissen in den Raum um von dort aus eine konstruktive Diskussion beginnen zu können.

  • Den Planten und auch das Leben im seinem Kern interessiert nicht, was der Mensch tut oder lässt. Einzig das Leben wie wir es kennen wird durch unser Verhalten beeinflusst. (An dieser Stelle lassen wir die Sprengung der Erde durch Atomwaffen mal weg.)
  • Der Mensch verändert durch sein Tun das Antlitz der Erde in einzigartiger Form.
  • Der Mensch greift oft ohne sich um Konsequenzen zu kümmern in Systeme ein, die er weder ganz überblicken kann, noch sie versteht.

Aber was hat das nun mit einem veganen Leben zu tun?

Die Antwort darauf ist so einfach wie kurz: Alles!

Als veganer Mensch steht die Achtung des Lebens über allen anderen Dingen. Ich habe hier einen Definitionsversuch beschrieben was Veganismus in seinem Kern ist. Veganismus ist nicht nur eine Diät, sondern eine Lebenshaltung die in erster Linie dem Leben zugewandt ist. Wenn wir die oben genannten Punkte nun unter diesem Aspekt betrachten, können wir sehr leicht verstehen, dass eine vegane Lebensform absolut kompatibel mit dem Planeten Erde und mit dem darauf existierenden Leben ist und zwar unabhängig davon welches Leben gemeint ist. Vegane Menschen lehnen den Speziesismus ab, also die ungleiche Gewichtung verschiedener Lebensformen, oder platt gesagt, eine Hund, eine Maus und ein Mensch haben alle das gleiche Recht auf Leben. Das heißt aber nicht, dass alle gleich wären und nicht jede Art ihre spezifischen Eigenschaften und Bedürfnisse hat.

Viele vegan lebenden Menschen schämen sich dafür, was die Spezies Mensch anderen Geschöpfen antut und ich gehöre da auch dazu, doch darf dieser Impuls nicht so weit gehen, dass der Mensch in Gänze als Feind betrachtet wird. Im Gegenteil! Wir, die Menschen, können nicht nur friedlich mit anderen Arten koexistieren, nein wir können auch begangene Fehler rückgängig machen oder wenigsten die Folgen lindern. Es darf also nicht das Gefühl vorherrschen, der Mensch sei ein Parasit und verdiene die Ausrottung. Der schweizer Historiker Daniele ganser spricht von der menschheitsfamilie, der ausnahmslos alle angehören, vegan erweitert sollten wir uns als Lebensfamilie verstehen und definieren. Alle, auch die Gefährlichsten und Verruchtesten, haben einen garantierten Platz.

Was ist vegane Klimarettung?

Ab hier wird es interessant, auch wenn der Titel einen Anspruch enthält, der schlicht nicht zu leisten ist. Wir wissen ja, dass das Klima nur eine Rechengröße darstellt und Zahlen kann man nicht retten.

Da gibt es die bekannten aber passiven Effekte des veganen Lebens. Durch den Verzicht auf Fleisch, Fisch, Milch, usw.

  • müssen keine Regenwälder abgeholzt werden um Weide- und Anbauflächen für Futtermittel zu produzieren.
  • sind Massenhaltungsformen mit ihrem unendlichen Leid und dem Ausstoß von Klimagasen überflüssig.
  • wird Leid und Tod in Laboren verhindert, auch wenn dies zum Wohle der Menschheit propagiert wird.
  • bleiben Meeressäuger- und Fischbestände unbeschadet.

Daneben gibt es aber noch andere Effekte, die allerdings vom Veganer, der Veganerin, aktiv gestaltet werden müssen. Und diese sind nach meinem erachten mindestens gleich wichtig wie die Passiven, vielleicht sogar wichtiger.

Aktiv muss ein veganer Mensch

  • seine Ernährung saisonal und regional gestalten um unnötige Transporte zu verhindern und um eigene Kontrolle über die Herstellungsweisen der Produkte zu erlangen.
  • sich darum kümmern, wie er oder sie Geld einsetzt. Das beinhaltet nicht nur den bewussten Kauf im kleinen Laden um Konzernen keinen Vorschub zu leisten, sondern auch das Bankwesen. Es nützt nichts sich selbst Regeln aufzuerlegen und dann einer Bank Geld an die Hand zu geben, mit dem diese Tod und Zerstörung finanziert.
  • sich immer und überall gegen Krieg aussprechen. Es gibt wohl kein größeres Verbrechen an Mensch und Mitwelt als Krieg und als veganer Mensch hat man verstanden, dass Gewalt niemals eine Lösung sein kann und darf. Krieg ist DER Antagonist des Lebens!
  • die immer weiter fortschreitende Technisierung bekämpfen. Die Technikgläubigkeit hat uns erst dahin gebracht wo wir heute stehen und wenn man dem Satz von Einstein glauben darf, dann kann keine Lösung auf der Ebene des Problems gefunden werden. Es braucht einen distanzierten Blick auf Technologie und die die sich als vornehmlich destruktiv entpuppt, muss aufgegeben werden.
  • auf das Leben zugehen. Sowohl auf andere Menschen als auf Tiere und Pflanzen. Dies klingt jetzt vielleicht etwas komisch, doch mag es auch lächerlich aussehen wenn man einen Baum umarmt, verbindet es den Mensch mit seiner Mitwelt. Wir müssen wieder zu einer natürlichen Spiritualität zurück finden, nicht durch Religion und Doktrin, sondern durch aktives Erleben, durch Fühlen und Empfinden.
  • aufhören in den Kategorien "Gut" und "Böse" zu denken. Diese von uns allen übernommenen Muster sind durch die Machtstrukturen etabliert worden, die uns an den heutigen Punkt geführt haben. Nach meiner Meinung gibt es lediglich die Kategorien "Richtig" und "Falsch" und diese kann jeder für sich augenblicklich erspüren.
  • die vorherrschende Politik kritisieren und auf grundlegenden Änderungen bestehen.
  • sich einbringen im Bestreben die ungeheuerlichen Zerstörungen, die wir auf der Erde gegenwärtigen, zu beenden und eine Art von Wiedergutmachung leisten. Dazu gehört die Vermeidung von Müll, die Vermeidung von Individualverkehr, die Vermeidung der ausufernden Unterhaltungsindustrie, die Vermeidung von touristischen Reisen u8nd vieles mehr.

Das böse Wort Verzichtsethik

Die gerade genannten Punkte sind soweit klar, bis auf der letzte, die ganzen Vermeidungen. Das klingt nach der viel beschworenen und kritisierten Verzichtsethik und ja bis zu einem gewissen Grad braucht es Verzicht, denn ansonsten bleiben wir im "weiter so". Doch habe ich nicht ohne Grund von Vermeidung geschrieben und nicht von Verboten. Es gibt für alles auch immer gute Gründe warum zum Beispiel jemand seinen PKW benutzen muss etc. doch muss der Fokus darauf liegen, diese Gründe abzuschaffen. Bleiben wir beim Auto. Man könnte so ein Gefährt ständig und überall nutzen, wenn dadurch keine Straßen (Oberflächenversiegelung) benötigt, keine schädlichen Emissionen ausgestoßen und keine Tiere und Menschen überfahren würden. Dem ist aber heute bei Leibe nicht so, doch brauchen wir auf der anderen Seite Transportmöglichkeiten. Es hilft also nichts, wir müssen versuchen weniger Auto zu fahren. Das löst das Problem zwar nicht, aber es verringert erstmal die Auswirkungen. Dort wo die Infrastruktur vorhanden ist, in diesem Fall die Straße, wird sie auch benutzt und nur eine willentliche Verringerung der Nutzung macht die Infrastruktur überflüssig. Für einen Lösungsweg könnte man dann alle Straßen unterirdisch bauen, mit entsprechenden Luftreinigungsanlagen. damit wären die vorgenannten Probleme alle vom Tisch.

Das Geldsystem ist nicht vegan

Um das Thema nochmals etwas abstrakter zu betrachten müssen wir uns klar machen, dass alles wirtschaftliche und politische Handeln letztendlich am Bruttoinlandsprodukt (BIP) hängt. Alle Waren und Dienstleistungen werden da aufaddiert um am Schluss in einer absoluten Geldzahl zu erscheinen. Auch Tod und Zerstörung schafft nach dieser Logik ein höheres BIP und wird damit von den Verantwortlichen für gut befunden. Das ein solches Vorgehen nicht gerade der Weisheit letzter Schluss sein kann versteht wohl jeder. Man überlege sich mal, wenn alle Menschen an der Dialyse hingen, dann wäre das BIP enorm, doch das Land stünde still und allen ginge es schlecht.

Nun muss man wissen, dass unser Geldsystem ein reines Schuldgeldsystem ist und ohne die Verelendung der Masse nicht funktioniert. Das bedeutet also, dass es einer veganen, einer lebensbejahenden Idee diametral entgegen steht. Wenn wir also einen gewissen Verzicht üben, auch Verzicht mehr als nötig zu arbeiten, dann schwächt dies den Motor der herrschenden Klasse und es ist eben dieser Motor, der für die unsagbaren Zerstörungen weltweit verantwortlich ist. Geld hat seine Berechtigung, doch nicht als lenkendes Werkzeug in der Hand weniger, denen das Wohl und Wehe der Masse schlich gesagt völlig egal ist. Man kann die positive Rolle von Geld z.B. in den vereinzelnd existierenden Regionalwährungen erkennen, die lokale Kreisläufe fördern und globale Zentralisierung hemmen. Hingegen überall dort wo zentralistische Strukturen vorherrschen wird Geld zur Zerstörung und zur Versklavung eingesetzt.

Ein veganer Mensch sollte also an dem Punkt ansetzen, den dem es den Mächtigen weh tut und das ist nun mal das liebe Geld. Ich will jetzt nicht zum Boykott aufrufen, doch sollte sich ein Jeder die Frage stellen was er oder sie gerade unterstützt, wenn Filme gestreamt werden, wenn Wasser gekauft wird von einem Konzern, der behauptet Wasser sei kein Lebensrecht oder ein T-Shirt zum Spottpreis angeboten wird und jeder sofort weiß, dass dies nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Ich meine in diesem Zusammenhang nicht das Weglassen von Tierleid behafteten Produkten, soweit sind die aller meisten ja schon, nein ich meine die versteckten Mechanismen, die verschwiegenen und indirekten Zerstörungen, die aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit in Kauf genommen werden. Man muss sich einfach darüber klar sein, dass ein Badeurlaub am Meer Auswirkungen auf Mensch und Natur hat. Nichts was wir tun bleibt folgenlos.

Und damit sollte man der obigen Aufzählung noch folgenden Punkt hinzufügen: Es ist eine Pflicht als veganer Mensch mit offenen Augen ganz genau zu schauen, mit wem oder was man sich einlässt und wem oder was man seine Unterstützung, seine Energie gibt! Kein Fleisch zu essen ist ein Anfang, aber sich dann eine Teakholzeinrichtung zu kaufen ist töricht.

Vegane Energie

Es ist nicht in erster Linie die Zerstörung des Lebensraumes oder die Emission von Treibhausgasen, die bei der herkömmlichen Energiegewinnung entscheidend sind. Bei der Erzeugung von Strom sind bereits gewaltige Fortschritte gemacht worden um diesen aus Wind, Sonne, Erdwärme, Wasserkraft usw. zu gewinnen, doch scheitern alle diese Technologien an der Speicherbarkeit. Wer also glaubt, wenn er oder sie einen "grünen" Stromtarif abschließt sei das Thema vom Tisch denkt die Problematik nicht zu Ende. Denn immer dann, wenn der Wind nicht weht, die Sonne nicht scheint, dann gibt es auch keinen Strom und die konventionellen Kraftwerke springen ein. Und diese Kraftwerke haben neben all ihren objektiven schädlichen Effekten einen weitaus gravierenden Makel. Sie verbrauchen Rohstoffe, die in Millionen von Jahren vom Planeten geschaffen wurden und diese Rohstoffe, sei es die Kohle, Öl, das Gas oder Uran, sind wertvoll und um sie zu sichern werden Kriege geführt. Seien diese nun offene Kriege mit Waffen oder Wirtschaftskriege. Konventionelle Energie ist gleichbedeutend mit Krieg. Eine vegane Energie muss also frei von fossilen Rohstoffen sein und sie muss dezentral organisiert sein. Soweit ich das überblicken kann, kommt dafür eigentlich nur der Wasserstoff in Frage, doch die Entwicklung steckt leider zur Zeit noch in den Kinderschuhen.

Der Kreislauf ist vegan

Es gibt das Cradle to Cradle Prinzip (Wiege zu Wiege) das anders als das Cradle to Grave (Wiege zu Grab) eine Kreislaufwirtschaft ist. Eine Produktion von Waren muss in der vollständigen Wiederverwertung des Produktes enden und nicht in der Entsorgung oder Verbrennung. Wir haben schon so unendlich viele Rohstoffe aus der Erde geholt, dass unser Bedarf an Rohmaterialien gedeckt ist, nur leisten wir uns den Luxus bereits Vorhandenes irgendwo hinzuwerfen und neues Material zu beschaffen. Auch kann es nicht im veganen Sinn sein eine geplante Obsoleszenz zu akzeptieren. Ein Produkt das sich vegan nennen will, muss also so lange wie nur irgend möglich funktionieren um dann am Ende seiner Funktion in ein neues Produkt umgewandelt zu werden. Das spart nicht nur Ressourcen, sondern verringert eben auch die Kommerzialisierung und damit verbunden die Macht derer, die an uns Menschen, an den Tieren und der gesamten Mitwelt nicht interessiert sind.

Fazit

Wenn wir uns also Gedanken um den Fortbestand der Erde machen wie wir sie kennen gelernt haben, mit all ihrer Schönheit, mit ihrer Kraft und Unbändigkeit, dann sind wir gefordert im Kleinen, jeder für sich, die Koexistenz anzustreben. Nicht in dem Ausmaß wie der Buschmann oder ein Indio in Papua Neuguinea, aber so, das wir wieder förderliche Individuen dieses Planten werden und nicht die Abrissbirne. Wir sollten uns nicht in sinnlosen Diskussionen über CO2 verlieren, sondern uns aktiv dem Erhalt und dem Schutz des Ökosystems Erde widmen. Und wenn ich von Erhalt spreche meine ich nicht das Konservieren, das Versiegeln, sondern das Prosperieren und zwar unter Einbeziehung aller lebenden Geschöpfe.

Leben ist Wandel.

 

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Ich investiere sehr viel Zeit in meine publizistische Arbeit, Zeit in der ich nicht klassisch arbeiten gehen kann. Wenn Dir meine Arbeit gefällt und Du ein paar Groschen übrig hast, sage ich ganz herzlich Dankeschön.

Bild: Rubikon

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Gelesen 1425 mal Letzte Änderung am Montag, 25 Januar 2021 10:15
Torsten Leonhardt

Torsten Leonhardt ist gelernter klassischer Koch mit 25 Jahren Berufserfahrung. Seit 2013 lebt er vegan und ca. acht Jahre davor vegetarisch. Er war lange Jahre in leitenden Positionen in verschiedenen Küchen beschäftigt und war mit dem Stephanskeller in Konstanz und dem Konstanzer Yachtclub selbstständig. Nachdem er seinen Lehrberuf aus Gewissensgründen nicht mehr ausüben konnte arbeitete er mehrere Jahre als demeter Gemüsebauer mit dem Schwerpunkt Direktvermarktung. Ende 2019 zog er mit seiner Frau nach Teneriffa um sich dort den Traum von einem eigenen Bio-Laden zu erfüllen, der allerdings durch die Corona-Krise ein jähes Ende fand.

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