Freitag, 22 Januar 2021 12:47

Veganismus - Versuch einer Defininition

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Man kann in der Wikipedia einiges lesen zum Thema Veganismus, doch der (pseudo) neutrale Artikel kann niemanden, der diese Lebensform für sich entdeckt hat wirklich zufrieden stellen. 

In erster Linie wird der Veganismus als eine Ernährungsform dargestellt, doch dies greift bei Weitem zu kurz. Vegane Menschen ernähren sich nicht nur, sondern sie haben eine Haltung eingenommen. Eine Haltung, die auch weit über das Tierwohl im allgemeinen hinausgeht. Diese Haltung beinhaltet vor allem und zuvörderst die Würde eines jeden Geschöpfes. Nicht nur die Tötung, sei sie zur Produktion von Lebensmitteln oder zur Erlangung von Erkenntnissen in der Forschung, wird strikt abgelehnt, sondern auch die immer noch allgegenwärtige Versklavung von Lebewesen, inklusive des Menschen. Vegane lehnen die Ausbeutung des Lebens per se ab. Eigentlich könnte ich diesen Artikel hier beenden, doch ich möchte noch ein paar Erklärungen anführen.

j selbys spread medium

Jetzt ist es augenfällig, dass diese Haltung an der Lebenswirklichkeit vorbei gehen muss, denn menschliches Leben ist nicht ohne eine gewisse Zerstörung anderer Lebensformen möglich. Der Mensch lebt nicht von Luft alleine. Wie beim Altruismus versucht aber ein veganer Mensch so weit es ihm möglich ist Leid von anderen Geschöpfen abzuhalten. Es geht also im Kern um das Vermeiden von mutwilligem Leid. Viele Kritiker pochen immer wieder auf diesen Punkt und erklären Veganer und Veganerinnen zu Idioten, die fern ab einer Realität leben würden und wie gesagt, wenn man es ganz streng sehen will, dann haben diese Leute in ihrer orthodoxen Ansicht recht. Nur haben sie eben das vegane Leben nicht verstanden und viele wollen dies auch nicht, da es mit ihrer Realität so gar nicht kompatibel ist. Ich möchte dazu ein kleines Beispiel geben.

Die Geschichte vom Apfelbaum

Wenn ein Apfel produziert wird, ich komme später noch darauf, warum dieser Begriff auch nicht vegan ist, dann versucht der Obstbauer die Fressfeinde des Apfels zu bekämpfen und damit sind nicht nur Insekten gemeint. In einem Apfelhain, bzw. heute sind das regelrechte Plantagen, wohnen auch Wühlmäuse und andere Nagetiere, die sich an den Wurzeln der Bäume zu schaffen machen. Gegen alle die geht ein Bauer vor, damit seine Bäume und auch seine Ernte gesichert bleibt. Die meisten Veganer und Veganerinnen wissen dies aber nicht im Detail und für sie ist ein Apfel demnach absolut vegan und essbar. Und selbst bei Bio Betrieben läuft das nicht anders, außer das andere Methoden der Abwehr angewendet werden. In den meisten Fällen aber endet es für die ungebetenen Gäste tödlich.

Um einen Apfel nun aber vegan zu produzieren, muss im Grunde nicht viel passieren, außer das der Allmachts- und Allbesitzanspruch des Menschen aufgehoben werden muss. Was bedeutet das?

Ein veganer Lebensmittelproduzent hat verstanden, dass es ein natürliches Gleichgewicht in seiner Mitwelt gibt. Sobald eine Überpopulation von Pflanzen oder Tieren vorherrscht beginnen gewaltige Probleme, die in den meisten Fällen nicht ohne massives Einschreiten gelöst werden können. Wenn wir bei dem Beispiel des Apfels bleiben wollen, dann heißt das nichts anderes als das der Bauer nicht nur Spalieräpfel anpflanzen kann, sondern nach Möglichkeit viele verschiedene und auch keinen Ertrag bringende Bäume pflanzen muss. Es bedarf einer hohen Diversität an Pflanzen um eben auch viele verschiedene Insekten und Kleintiere auf dem Land zu beherbergen, die wiederum sich in ein natürliches Gleichgewicht bringen und so den menschlichen Eingriff oft überflüssig machen. Keiner hält die Mäusepopulation so effektiv in Schach wie der Mäusebussard oder der Fuchs. Und Schlupfwespen sorgen dafür, dass andere "Schädlinge" sich nicht explosionsartig ausbreiten können. Die Menschen haben noch lange nicht verstanden, wie das natürliche Geflecht aus Freunden und Feinden in der Natur aussieht und immer werden nur kleine Aspekte beleuchtet, die dann zu s.g. zielgerichteten Maßnahmen führen, doch diese verursachen in der Regel immer neue Probleme und lenken von einer wirklichen Lösung ab. Der vegane Bauer muss also seine sich selbst gegebene Macht abtreten.

Auch hat ein veganer Lebensmittelproduzent verstanden, dass nicht alles ihm alleine gehören kann. Aus dem vorherigen Absatz geht ja auch hervor, dass ein Teil der Ernte nicht für den Bauern bestimmt sein kann. Er muss dringend lernen zu teilen, was aber im Umkehrschluss eine Bereicherung darstellt. Leider sind vor allem Betriebswirte in diesem Punkt ganz anderer Meinung und da gilt es noch sehr viel Aufklärung zu betreiben.

Die Maschinenwelt

Ein ganz heikler Punkt, der eben auch wieder auf die s.g. Wirtschaftlichkeit zurückzuführen ist, ist der Einsatz von Maschinen. Es ist ein erheblicher Unterschied, ob die erwähnten Apfelbäume mit Herbiziden frei gespritzt werden, ob die Wiese gemulcht wird oder hin und wieder mit einem Messerbalken gemährt wird. Im besten Falle könnten Großtiere, der Ökonom spricht von Raufutter fressenden Großeinheiten, dort weiden. Diese verdichten den Boden nur punktuell, zerstören Mäusegänge und düngen das Areal, eigentlich die Alleskönnende Wollmichsau. Es ist die Technologie, die, auch wenn man es nicht auf den ersten Blick sieht, einen ganz erheblichen Anteil daran hat, wie unsere heutige Welt aus den Fugen geraten ist. Mir geht es nicht darum Technologie im Allgemeinen zu verteufeln, sicher nicht, aber man darf nicht vergessen, dass jede Technologie mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen daher kommt und die werden nicht im Beipackzettel erwähnt. Und hier kommt der Verbraucher ins Spiel.

Die Rolle des Verbrauchers

Damit der Bauer wirtschaftlich sein kann und auch seine eigene Arbeit nicht ausufert, versucht er so viel wie möglich zu rationalisieren. Dies bedeutet nichts anderes als den Einsatz von Maschinen, die schneller und effizienter Arbeiten ausführen. Doch leider ist das nicht effektiv. Effektiv wäre die oben beschriebene Mischkultur und der Einsatz von tierischen Helfern und so versuchen die Bauern, die schon etwas weiter über den Tellerrand schauen durch bessere Preise/Vermarktung ihr Produktionsdefizit zu kompensieren. Diese Ansicht wird auch durch die Landwirtschaftsministerien geteilt und so obliege es dem Verbrauer mit seinem Geldbeutel über die Produktionsmethoden abzustimmen. Ich kann darin leider nur die Arbeitsverweigerung der Landwirtschaftsminister erkennen, denn es ist ihre ureigene Aufgabe die Rahmenbedingungen zu setzen, was sie aber eben nicht tun. Der normale bewusst lebende Mensch sitzt leider diesem Trugschluss ebenso auf und hat sich damit abgefunden etwas tiefer in die Tasche zu greifen, will er ein vernünftig hergestelltes Produkt haben. Doch das ist, nach meiner festen Überzeugung, grundlegend falsch. Der Verbraucher muss sich von lupenreinen, gemalten Äpfeln verabschieden, also von der perfekten Optik, das schon, aber er darf sich nicht vor einen sich immer weiter kommerzialisierten Karren spannen lassen. Auch der Begriff des Verbrauchers, wieder von der Ökonomie geprägt, ist ein grundlegendes Missverständnis. Wir verbrauchen keine Lebensmittel, sondern wir spenden damit in uns Leben. Das sind keine Waren wie Fernseher und Mountainbikes, sondern für uns und unsere Körper essentielle Antriebsfedern, die uns gesund und vital halten sollen. Verbraucher benötigt nur eine Industrie, die, der Marktwirtschaft unterworfen, alle Wege nutzt, um Gewinne zu realisieren. Wir hingegen wollen leben durch das Leben, in Würde und mit aller Achtung die wir aufbringen können.

Guernsey cattle

Von Man vyi - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=900316

Unter Bio geht's einfach nicht

Damit haben wir einen weiteren, sehr wichtigen, Punkt des Veganismus herausgearbeitet, nämlich es ist unmöglich das konventionelle Lebensmittel vegan sein können. Dafür ist die Zerstörung rings herum einfach zu gewaltig und gibt Gegnern einfach nur recht. Lebensmittel können, diesem Gedanken folgend, also nicht produziert werden, sondern nur gewonnen. Und dies im Einvernehmen mit unseren Mitgeschöpfen.

Einigen mag oben der Vorschlag aufgestoßen haben, Großtiere als Helfer einzusetzen. Ich sehe in so weit keinen Widerspruch mit einem veganen Leben, wenn diese Tiere nicht der Ausbeutung anheim gegeben werden. Nehmen wir das Beispiel der Kühe. Wenn ein Obstbauer auch ein paar Kühe auf seinem Hof hat und diese ihm bei der Arbeit helfen ist das für beide Seiten eine lohnende Verbindung. Die Kühe genießen Schutz und eine zuverlässige Nahrungsquelle und im Gegenzug nehmen sie dem Bauern Arbeiten ab, die er sonst durch Maschinen ausführen müsste und sie düngen dabei auch noch das Feld. Und wenn man noch einen Schritt weiter gehen möchte, so kann eine Mutterkuh, die in erster Linie ihre Milch für ihr Kalb bereitstellt auch noch ein paar wenige Liter an den Bauern abtreten, ohne dabei in ihrer Natürlichkeit gestört und in ihrer Würde verletzt zu werden. Solange dies auf Augenhöhe geschieht und die Einträchtigkeit im Vordergrund steht, ist dagegen nichts einzuwenden. Aber auch hier ist es der Allbesitzanspruch der Baueren und auch die Spezialisierung der Betriebe, die solche Entwicklungen massiv behindern. Heute ist man Milchbauer, Obstbauer, Getreidebauer, usw. und ganz massiv vom Subventionsmechanismus des Staates abhängig. Und da sind wir schon wieder bei den s.g. Verantwortlichen in der Politik. 

Politik

Ich gebe offen zu, dass ich von Politikern nur sehr begrenz etwas halte. Zu oft haben wir gesehen, wie sie sich durch Lobbyverbände bedrängen lassen oder auch ganz frech ihre eigenen Interessen verfolgen. Auch wird es immer wieder offenbar, wie wenig die Damen und Herren von der Welt verstanden haben, sich aber zu Lenkern aufschwingen. Ich sehe in der Politik den größten Hemmschuh zu einer lebenswerten, veganen Welt. Bezeichnenderweise kann man sich nicht mal grob dem linken oder rechten Lager verbunden fühlen, denn aus beiden im Grunde so unterschiedlichen Seiten kommt der selbe lebensfeindliche Schwachsinn. Veganismus ist für mich demzufolge auch eine klare politische Opposition, zu dem womit wir heute konfrontiert sind.

Zum Schluss

Zum Schluss will ich noch der Vollständigkeit halber weitere Aspekte des veganen Lebens ansprechen, obwohl diese eigentlich trivial sind.

Da ist die eigene Gesundheit die bewiesenermaßen durch eine rein pflanzliche Ernährung erheblich verbessert ist.

Dann sind die katastrophalen Aufzucht-, Haltungs-. und Tötungsmethoden von Tieren, also unseren fühlenden und leidensfähigen Mitgeschöpfen, selbstverständlich nicht diskussionswürdig. Menschen, die daran keinen Anstoß nehmen sind keine qualifizierten Diskutanten. da bin ich sehr klar und lasse auch nicht mit mir reden.

Durch eine rein pflanzlicher Ernährung könnten weit über 12 Milliarden Menschen ernährt werden, doch derzeit leiden rund 690 Millionen Menschen an chronischer Unterernährung und täglich sterben etwas 20.000 an Hunger.

Die geradezu ekelhafte Hybris der Menschen neue Shampoos oder auch Arzneimittel an Tieren zu testen belegt nichts anderes als den Speziesismus der die Menschen über die Tiere stellt. Ich persönlich kenne keine Katze und keinen Affen, der sich die neue Gesichtscreme von Firma XY ins Gesicht schmieren will und es ist nicht einzusehen, warum diese Tiere dafür unermessliches Leid ertragen sollen. Selbst wenn es um Pharmaprodukte geht, so bin ich der festen Überzeugung, dass die bislang schon aus unendlichem Tierleid hervorgegangenen Erkenntnisse ausreichen müssen und es keiner weiteren Qual bedarf. Man kann heute am Computer so viel modellieren und simulieren als dass weitere Versuche an wehrlosen Tieren indiskutabel sind.

Gleich verhält es sich mit s.g. tierischen Abfallprodukten im Weichspüler und sonstigen Hygieneprodukten. Würde die gute Hausfrau wissen, dass sie ihre Bettwäsche in Gedärmen und Innereien wäschst, sie würde das nicht wollen. Dies funktioniert nur durch die Verschleierungstaktik der Industrie. Oder das mittlerweile allgegenwärtige Mikroplastik im Peeling und in Cremes, dass für unzählige Meeresbewohner immer lebensbedrohlicher wird.

Wichtig ist auch, dass wir wieder zu regionalen Produkten kommen. Abgesehen davon, dass wir nicht kontrollieren können wie Avocados in Mexiko produziert werden, greift der Transport, sei er zu Wasser, zu Lande oder Luft, ganz massiv in die Fauna und Flora ein. Und wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, dann sind die meisten Dinge, die wir aus fernen Ländern konsumieren von außen an uns herangetragene Bedürfnisse. Seien es irgendwelche Superfoods oder sonstiges. Wir haben noch lange nicht das Potenzial unseres heimischen Obst und Gemüse ausgeschöpft. Aber hier gilt natürlich auch Augenmaß zu halten, denn nicht jeder Transport muss automatisch schlecht sein, doch je näher, desto weniger invasiv.

Als aller letztes möchte ich noch auf einen sehr wichtigen Punkt kommen. Leo Tolstoi hat gesagt, "Solange es Schlachthäuser gibt, wird es Schlachtfelder geben." Dieser Satz bingt es wie kein anderen auf den Punkt, dass die Tötung von Tieren unausweichlich zur Verrohung des Menschen führt. Und damit ist Veganismus auch ein aktiver Dienst am Frieden!

 

Bitte teile diesen Betrag in Deinen Sozialen Medien, damit mehr Menschen sich dem Thema Veganismus annehmen und wir vielleicht eine raschere Wende hin zu einem lebenswerten Planeten schaffen. Ganz herzlichen Dank für Deine Bemühungen.

Ich investiere sehr viel Zeit in meine publizistische Arbeit, Zeit in der ich nicht klassisch arbeiten gehen kann. Wenn Dir meine Arbeit gefällt und Du ein paar Groschen übrig hast, sage ich ganz herzlich Dankeschön.

 

Bild: https://www.exploreveg.org/files/2018/05/j-selbys-spread-medium.jpg

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Gelesen 1463 mal Letzte Änderung am Freitag, 05 Februar 2021 17:03
Torsten Leonhardt

Torsten Leonhardt ist gelernter klassischer Koch mit 25 Jahren Berufserfahrung. Seit 2013 lebt er vegan und ca. acht Jahre davor vegetarisch. Er war lange Jahre in leitenden Positionen in verschiedenen Küchen beschäftigt und war mit dem Stephanskeller in Konstanz und dem Konstanzer Yachtclub selbstständig. Nachdem er seinen Lehrberuf aus Gewissensgründen nicht mehr ausüben konnte arbeitete er mehrere Jahre als demeter Gemüsebauer mit dem Schwerpunkt Direktvermarktung. Ende 2019 zog er mit seiner Frau nach Teneriffa um sich dort den Traum von einem eigenen Bio-Laden zu erfüllen, der allerdings durch die Corona-Krise ein jähes Ende fand.

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